Auf Kurs mit traditionellen Segelschiffen

Nun schreibe ich einen Beitrag über Segelschiffe und muss doch gestehen, niemals auf einem alten Traditionssegler mitgefahren zu sein. Und doch ist da stets eine innere Aufgeregtheit, wenn ich alte Segelschiffe sehe. Gediegene Schönheiten, den Spirit alter Zeiten aus jeder Holzbohle atmend und dabei doch so voller jugendlicher Lebendigkeit. An Bord die Verheißung von Freiheit.

Thor Heyerdahl, Heimathafen: Kiel

Als Kind faszinierten sie mich in Piratenfilmen und später beim Besuch in Museumshäfen, wie etwa die Seute Deern in Bremerhaven oder die Rickmer Rickmers in Hamburg, die heute als schwimmende Städtewahrzeichen  Restaurantbetriebe beherbergen.

Seute Deern, Heimathafen: Hamburg

Vom Reiz alter Traditionssegler
Vor Jahren ankerte die Sedov am Kieler Norwegenkai.
Die Dimensionen des Schiffes vor dem Hintergrund städtischer Kulisse, wirkten auf mich kolossal – ich war beeindruckt.

Sedov, Heimathafen: Murmansk (RU)

Meine Faszination für  alte Segelschiffe jedoch, erschloss sich daraus noch nicht ganz.
Vielleicht ist es die widersprüchliche Ästhetik, die sich in der „Architektur“ des Schiffes ausdrückt –
der schwere Rumpf und die soliden Masten im Verhältnis zum fast filigran anmutenden Tauwerk.
Der sichtbare Segelmechanismus – einfach und komplex zugleich. Umsetzung von Windkraft in Bewegung.
Die nächste Begegnung mit den majestätischen Seglern ergab sich während eines dreitägigen Törns an Bord eines kleinen Motorseglers, vergangenen Sommer in der Eckernförder Bucht.

Aus dem Dunst tauchten sie auf, die Loth Lorien, die Swaensborgh und  die Hendrika Bartelds. Zunächst nur schemenhaft aus der Ferne erkennbar, ließen sich nach jeder verstreichenden Minute mehr und mehr Details ausmachen: windgeblähte weiße Segel, die Takelagen und schließlich die Bugspitzen, die wie lange Finger in unsere Richtung zeigten. Sie nahmen nach Kurs auf unser Boot. Plötzlich wirkten sie einen Moment lang wie zum Greifen nahe, drehten bei und verschwanden mit zunehmender Entfernung wieder im Dunst…


Welch‘ erhebendes Gefühl, dachte ich,  an Bord eines dieser großen Traditionssegelschiffe ins offene Meer auszulaufen und hautnah erleben zu können, wie ein Segel nach dem anderen gelöst und gesetzt wird – vielleicht sogar aktiv mitzuhelfen.

    

Aufbruch ins Weite an Bord eines Tallships
Der Gedanke an salzige Luft und spritzende Gischt  steigert das Verlangen nach Freiheit und Weite, macht einfach nur Lust auf die „Große Fahrt“ vom Spiel der Wellen begleitet, mal leise plätschernd, mal wild tobend.
Die Vorstellung von Wind, der sich in großen weißen Segeltuchflächen fängt, quietschenden Winden und knarzenden Masten lässt sich so gerne in Zeiten entführen, in welchen hartgesottene Seemannen auf Kapernfahrten gingen, auf einsamen Inseln strandeten, Schätze hoben, ruhmesreiche Kämpfe zur See ausfochten oder Kontinente entdeckten.  Entdecker wie Fernao Magellan und Christoph Columbus  oder verwegene Piraten wie Klaus Störtebeker und Sir Henry Morgan.
Ein historischer Bezug, der manchem zur Initialzündung für eigene Erfahrungen auf See an Bord eines Traditionsseglers wird.

Oosterschelde, Heimathafen: Rotterdam (NL)

Segelreisen auf geschichtsträchtigen Planken
So alt sind die modernen Traditionssegler freilich nicht, haben aber bereits tausende von Seemeilen zurückgelegt. Nicht wenige von ihnen haben zunächst einiges an baulichen und funktionellen Veränderungen erfahren, bevor sie ihre Bestimmung als vollausgestattete Gästeschiffe für den Charter fanden.
Die elegante Swaensborgh etwa, mit ihrer heutigen Länge von 47m, lief im schleswig-holsteinischen Moorege 1907 vom Stapel, trat als Zweimastsegler „Anna“  ihren Dienst einstweilen für die Binnenschifffahrt und im Wattemeer an, war als motorbetriebenes Frachtschiff im Einsatz. Einige Male wurde sie umgebaut und umgetauft.

Swaensborgh, Heimathafen: Monnikendam (NL)

Die 48m lange Dreimast-Barkentine Loth Lorien, die 1907 als „Njord“ in Norwegen vom Stapel lief, versah ihren Dienst zunächst als Logger im Heringsfang.
Auch die Hendrika Bartelds, ein Dreimaster von 49m Länge, begann ihre Karriere 1918 in den Niederlanden zunächst als Heringslogger.

Loth Lorien, Heimathafen: Amsterdam (NL)
Hendrika Bartelds, Heimathafen: Kampen (NL)

Sie tragen außergewöhnliche Namen wie Pedro Doncker, Thor Heyerdahl, Oosterschelde oder Amphitrite und blicken auf bewegte Schiffsleben zurück. Gemeinsam ist allen die sichtbare Verbindung von Tradition und Moderne, die gelungene Verschmelzung von Stil, Qualität und Funktionalität, sowie die durchdachte  Verzahnung von Hightech und solidem Schiffsbauhandwerk.

Windjammerparade, Kiel 2014

Mitsegeln auf einem Traditionssegler verspricht Abenteuer und Gemeinschaft
Jenseits des Flairs, das über Film, Literatur oder die eigene Fantasie transportiert wird, gibt es das wirkliche Abenteuer an Bord, welches jene erfahren werden, die  aktiv mit von der Partie sind.
Wer erstmal vorsichtig Seeluft schnuppern möchte, der wird nach einem Tagestörn wissen, ob er auch künftig dabei bleibt.
Mehrtagesfahrten oder längere Törns über die Meere bieten da eindeutig größere Herausforderungen, denn steter Begleiter sind die Naturgewalten, die  das Handeln an Bord bestimmen. Die Begegnung mit anderen Menschen und Sichtweisen wird zur wichtigsten Aufgabe, denn  schließlich muss aus der Reisegemeinschaft ein Team werden, das zusammen arbeitet und das  Bordleben teilt.

Kooperation,  Verantwortung, gegenseitige  Hilfe und das Gefühl sich aufeinander verlassen zu können sind für einen reibungslosen Tagesablauf auf See unerlässlich und werden auf einer Segelreise ganz klar gestärkt.
Die Übernahme und Erfüllung  von Pflichten wechselt sich mit Erholung und jede Menge Spaß beim Sonnenbaden, beim Schwimmen im Meer und bei den gemeinsam eingenommenen Mahlzeiten ab.
Die Reise an Bord eines Segelschiffes ist aktiver Urlaub.
Die Reisenden werden zu Trainees, die von einer erfahrenen Stammcrew betreut und angeleitet werden.
Auf Komfort muss niemand verzichten, denn die Schiffe verfügen über moderne und vollausgestattete Interieurs bei bester Verpflegung.

Thor Heyerdahl

Wenn Nostalgie auf Moderne trifft …
Technologisierte, digitalisierte Arbeitsabläufe und steigender Effizienzdruck bestimmen den gegenwärtigen Alltag und vielleicht dürstet es gerade deshalb viele nach Greifbarem, nach unmittelbarem Erleben und einem Handeln in Echtzeit. Wissend, dass früher längst nicht alles besser aber vieles wertvoll war, nimmt man die eine oder andere Unwägbarkeit recht gern in Kauf, auch darauf vertrauend, dass sinnvolle Neuerungen der Moderne letztlich ein gerüttelt Maß an Sicherheit und Komfort verschaffen.
Möglicherweise schöpft  die Faszination, die von Segelschiffen ausgeht  auch aus dieser Gleichzeitigkeit von Gestern und Heute.

Links zu Törnanbietern
https://www.t-s-c.de/
http://www.nordtoern.de/nordtoern/mitsegeln/traditionssegler/traditionssegler.htm
http://www.grosssegler-reisen.de/

 

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