Zu Besuch auf der Eselkoppel an der Schlei

Barbara Becker hat vier Berufe, denn sie ist Eselsführerin, Hauswirtschafterin, Bauernhofpädagogin und bald auch Kutscherin für Eselskutschen.  Daraus ergibt sich ein großes Betätigungsfeld und sie müsste weit ausholen, wenn sie beschreiben wollte, was sie genau macht. Jedoch, wer die Eselkoppel in Brodersby an der Schlei besucht, der bekommt einen ziemlich guten Einblick in ihre tägliche Arbeit auf der Koppel, wo sie alte Nutztierrassen wie Cotentin-Esel und Brahma-Hühner hält. Aber damit nicht genug: Sie zieht Gemüse, pflanzt, Obststräucher, kultiviert alte Obstsorten, wie etwa Kreten und lässt Kinder durchs Mitmachen an einem erfrischend unverstellten Stückchen Natur teilhaben.

Und irgendwie spürt man sofort, dass auf der Eselkoppel die Uhren noch richtig ticken, wobei die Zeit weder schneller noch langsamer vergeht, sondern nur deutlich intensiver. Die Kinder kommen regelmäßig über das Jahr verteilt in kleinen Gruppen zu ihr, legen im Frühjahr Indianerbeete mit Kürbis, Mais und Feuerbohnen an, kochen im Sommer nach der Obsternte Marmelade aus Jostabeeren – einer Kreuzung aus Johannis- und Stachelbeeren – oder rösten im Herbst knuspriges Stockbrot über dem Laubfeuer und nehmen wahr, wie sich die Natur über das Jahr verändert. Ja, und dann ist da noch diese tolle Knickhöhle, eine aus Weidenzweigen gebogene Bude im sogenannten „Knick“, einer Wallhecke zur Einfriedung von Koppeln und Feldern. Die Kinder bauen immer weiter an ihr und richten sie mit natürlichen Materialien ein.

„Auf der Eselkoppel machen Kinder die einfache und gleichzeitig kostbare Erfahrung, dass die Natur für sie sorgt, sie sättigt, gesund hält und auch ihre Seele nährt.“

Mit den vier Eseln geht es runter an den  Strand oder entlang der Steilküste bis zum „Naschikönig“ nach Weseby. Vorher werden „Reine“ (frz. „Königin“), „Etosha“, „Uwe“ und „Tante Ella“ von den Kindern startklar gemacht, das heißt striegeln, Hufe säubern und aufzäumen. Auch Stall ausmisten und Fütterung der Tiere gehören mit zum Programm auf der Eselkoppel an der Schlei.Ein weiterer Clou sind die Trekkingtouren mit Eseln. Barbara bietet sowohl Tagestouren als auch Mehrtagestouren an. Die Tiere tragen  dabei Gepäck bis zu je 45 Kilogramm und sind zudem äußerst feinsinnige Wegbegleiter mit einer Art innerem Frühwarnsystem für kritische Situationen.  Bei so einer Tour kippt dann auch das alte Klischee vom faulen, störrischen Esel.

„Esel sind sehr vorsichtige Tiere, die genau prüfen, ob von einer Umgebung oder Situation Gefahr ausgeht. Wenn Esel sich nicht sicher sind, warten sie lieber ab und beobachten, was sich tut. Diese Zeit muss man ihnen geben.“


Cotentin-Esel, haben ihren Ursprung in der französischen Normandie und zählen, wie viele Großesel, zu den gefährdeten Nutztierarten. Barbara arbeitet seit zwanzig Jahren mit ihnen – eine lange Zeit, die sie  durch ein ganz besonderes Trekking-Projekt krönt: Sie wandert 2014 in drei großen Einzeletappen von Brodersby an der Schlei bis nach Pusarnitz im österreichischen Kärnten. Auf dem ca. 1750 Kilometer langen Marsch, sind einzig Eselin Wanda und Retriever Rüde Eddie ihre Begleiter.
Pusarnitz ist dabei kein zufälliges Ziel, dort hat sie nämlich ihre Wurzeln – ihre Mutter wuchs in der kleinen kärntnerischen Ortschaft auf. Es ist ein Projekt, dem ein langer innerer Reifungsprozess vorausging, das aber dann sehr plötzlich nach rascher Umsetzung verlangte.

Foto: Becker

Im Mai startet Barbara von der Eselskoppel an der Schlei aus ihre Tour. Gezielt wählt sie ihre Wege durch Wald und Wiesenlandschaften oder entlang von Seen und Bachläufen, um hufunfreundliche Asphaltstraßen zu meiden und die Tiere vor Autolärm zu schützen. Als sie im September Pusarnitz erreicht, liegt hinter ihr ein Weg durch atemberaubende Landschaften, durch Heide, Mittelgebirge, Hochgebirge, entlang der Donau und über Alpenpässe.

Foto: Becker

Sie erlebt, wie sich mit den Gegenden auch die Menschen verändern, die dort wohnen. Die Tagesrouten hat sie im Vorfeld entlang  von Versorgungspunkten für tierärtzliche Betreuung und Futter organisiert und ein ungefähres Zeitfenster für die Ankunft in Österreich eingeplant. Darüberhinaus aber lässt sie sich auf den Etappen von der Landschaft und dem Gespür der Eselin leiten. Sie lebt karg, übernachtet im Zelt und wenn sie mit Menschen ins Gespräch kommt, nimmt sie sich Zeit, Fragen zu beantworten oder um einfach nur zuzuhören – und um ihre beiden Gefährten nicht zu überfordern.

Es ist ein ereignisreicher Weg, auf dem sie erlebt, wie aus vom Ballast befreiten Gedankenräumen neue Unabhängigkeit erwächst.

„Zum Ballast gehört auch die Bremse im Kopf, wenn ständig die gedankliche Frage auftaucht, ob daheim alles in Ordnung ist  … um dann die innere Gewissheit abzurufen: Du hast alles sorgfältig organisiert, alles ist gut!“

Foto: Münch

Unterwegs entdeckt Barbara wieder neu, dass Unvorhersehbares mit vorausschauender Planung nicht zum Problem wird und falls doch,  wie sich gleich andere Wege auftun, wenn man sich gerade dann die Zeit nimmt, in Ruhe danach Ausschau zu halten.Hat sie durch diese Tour eine andere Sicht auf das Leben entwickelt?
Haben sich bestimmte Stellenwerte verschoben?

„Ja und nein. Ja, weil ich meine Berufstätigkeit als Hauswirtschafterin in einer Heimeinrichtung aufgegeben habe und mich nun gänzlich meiner Arbeit auf der Eselskoppel widme … und nein, weil ich keine innere Veränderung durch die Wandertour gesucht habe, sondern mich nur auf den jeweiligen Augenblick einlassen wollte.“

Auf der Eselkoppel an der Schlei füllt Barbara Becker ihre Idee von Naturerleben mit glaubhaftem Sinn auf, macht sie handfest und für Kinder begreifbar. Sie lässt sie spüren, welche Kräfte in der Natur stecken, lässt sie aber auch gewahr werden, wie zerbrechlich sie ist.

Wenn die Kinder im Naturkreislauf selbst schöpferisch tätig werden, können sie das verinnerlichen. Und vielleicht schenkt es ihnen auch ein Stück bleibender Sicherheit, wenn sie wissen, ein bisschen dazu beitragen zu können, dass sich auch im Kleinen der Kreislauf der Natur Jahr für Jahr wiederholt.

Hier geht´s zur  Eselkoppel an der Schlei
und zum Tagebuch einer Wanderung

 

Ein Gedanke zu „Zu Besuch auf der Eselkoppel an der Schlei“

  1. ein wunderbarer bericht mit tollen fotos. ein besuch der esel-koppel sollte für jeden zum „pflichtpogramm“-in und um schleswig gehören. besonders für familien mit kindern.

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